Twitter-$hitstorm verdrängt die inhaltlichen Themen des GOP-Parteitags (in German)

[Written for Zeit.de – Zweitstimme Blog, published on September 4, 2012]

Der gerade zu Ende gegangene GOP-Parteitag in den USA zeigt, Twitter-Lawinen sind unaufhaltbar. Jeder noch so kleine Fehltritt eines Redners endet in einem Mem, das die Internetgemeinde begeistert.

Gleich zu Beginn des GOP-Parteitages fiel auf, dass sich Twitter.com mehr und mehr zu einem Medienunternehmen entwickelt hat, das tief in den Wahlkampf involviert ist. Der Hashtag #GOP2012 war auf allen offiziellen Flaggen des Tampa-Stadions platziert, unübersehbar und direkt nutzbar für jeden Teilnehmer mit einem Smartphone. #GOP2012 wurde sehr schnell zum „trending topic“ in den USA. Die Reden während des Parteitags beginnen und die Bevölkerung tweeted während Romney’s ersten Auftritt. Twitter zählt über 14.000 Tweets: Sechsmal so viel wie während des gesamten GOP-Parteitags in 2008. Mit ihrer vereinten Intelligenz nehmen Twitter-Nutzer in sekundenschnelle jede Redewendung auseinander, checken und gegenchecken jede Behauptung und posten schnell den Gegenbeweis für jede plumpe Lüge der Kandidaten, die sich dann wie ein Feuersturm rasend schnell im Netz verbreitet.

Besonders die Rede von Clint Eastwood wird von der Twitter-Gemeinde aufs Korn genommen und mit Hilfe des Hashtags #eastwooding in einem online Feuersturm lächerlich gemacht. Die Twitterparodie „Invisible Obama“ entsteht und zeigt dass das Einreden auf einen leeren Stuhl wie von Eastwood schauspielerisch dargestellt nicht gut ankommt. Innerhalb weniger Minuten hat der Account mehrere zehntausend Follower hinter sich vereinigt die bereitwillig Scherze auf Kosten des Stuhls verteilen. Hunderte mit Hilfe von Photoshop veränderte Versionen des leeren Stuhls kursieren im Internet. Jede Late-Night-Show geht auf die Varianten ein. Auch das Obama-Camp ist schnell und postet eine brillante Gegendarstellung mit der Unterschrift: „Dieser Stuhl ist bereits besetzt“.

“This seat’s taken”
Quelle: Twitter.com/BarackObama (https://twitter.com/BarackObama/status/241392153148915712)

Das Online-Fiasko ist sofort messbar: Mit dem Twitterindex wird die Gefühlswelt der politisch-interessierten Nutzern in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung USAToday.com gemessen und die Stimmungslage visuell auf einer Skala von 1-100 dargestellt. Obwohl es wenige Informationen darüber gibt wie gemessen wird, werden die resultierenden Zahlen laut Adam Sharp, Twitters Direktor für “Government News and Social Innovation” der Gallup-Umfrage-Qualität gleichgesetzt. Twindex misst ob die Online-Gemeinde positiv oder negativ über die beiden Kandidaten tweetet. Alle Werte über 50 sind ein Indikator für eine positive Stimmungslage. Wurde Romney noch am ersten Parteitag mit einem Wert von 60 positiv besprochen, hat sich die Stimmung während des „Eastwooding“-Skandals schnell umgekehrt und sein Twindex fiel auf 35:

Quelle: election.twitter.com (31. August 2012)

Obwohl das gesamte Twitterarchiv in einer visuell ansprechenden Form in der oben gezeigten Graphik analysiert wird, ist unklar wie verlässlich diese Repräsentation ist. Twitter erläutert nicht ob Twitterbots mit einbezogen werden die zu tausenden automatisch Romney’s Twitterprofil folgen oder ob ironisch gemeinte Tweets als positiv bewertet werden. Zur Zeit nutzen laut einer Pew Umfrage ca. 8% der Amerikaner die online aktiv sind Twitter. Sind also ebenso viele Schwarze, Latinos und Asiatisch-stämmige Amerikaner auf Twitter vertreten wie in der wahlberechtigten Bevölkerung? Diese Fragen bleiben offen und erst am Wahlabend wird klar werden inwieweit die Online-Gemeinde die tatsächliche Stimmung der Wähler wiederspiegelt.

Die Lehren die aus dem GOP-Parteitag gezogen werden können: Twitter verstärkt jedes Wahlkampffiasko. Jeder Fehltritt wird unaufhaltbar in Online-Lawinen verteilt.

ERGAENZUNG ZUM URSPRUENGLICHEN ARTIKEL:

Die Republikaner launchen eine smarte Gegenattacke und ernennen den Labor Day zum “National Empty Chair Day” – anstelle des Tages der Arbeit weisen sie daraufhin, dass es so viele leere Stuehle in den Unternehmen gibt, da zu viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter waehrend der Rezession haben gehen lassen muessen.

Gleichzeit posten sie das folgende Bild was zeigen soll, dass Obama’s Antwort Foto auch nur ein leerer Stuhl gewesen sein soll:

Source: https://twitter.com/#!/search/%23emptychairday/slideshow/photos?url=http%3A%2F%2Fyfrog.com%2Fo0pyurcj

 

 

 

 

 

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Dr. Ines Mergel ist Professorin für Verwaltungswissenschaften an der Maxwell School of Citizenship and Public Affairs (USA) und twittert über die Nutzung von sozialen Medien.

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About Ines Mergel

I am Full Professor of Public Administration at the Department of Politics and Public Administration at University of Konstanz, Germany. Previously, I served as Assistant and then Associate Professor (with tenure) at the Maxwell School of Citizenship and Public Affairs, Syracuse University, NY. In my research, I focus on informal social networks in the public sector and the adoption and diffusion of digital service innovations in government organizations. I teach classes on social media management, digital government, public management, and social network analysis.

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